Artikel: Dampf, Diesel und gute Laune beim Frühlingsfest
Wer am letzten April-Wochenende das Gelände des Bahnbetriebswerks Schöneweide besuchte und den ausgestellten Gelenktriebwagen (GTW) der Baureihe 646 von vorne betrachtet hat, musste unweigerlich schmunzeln. Das geschwungene Frontdesign des Dieseltriebfahrzeugs erinnert frappierend an ein Lächeln – und passte damit perfekt zur Stimmung auf dem diesjährigen Frühlingsfest der Dampflokfreunde Berlin.
Rund 12.000 Besucher:innen sind übers Wochenende auf das denkmalgeschützte Gelände gekommen. Allein der Sonntag war zeitweise so gut besucht, dass es „wirklich sportlich voll“ war. So beschreibt es Sementa Flemming, die es genau wissen muss: Die Lokführerin von DB Regio Nordost ist zugleich im Verein der Dampflokfreunde Berlin aktiv und hat das Fest von Anfang bis Ende miterlebt. Ihr Fazit fällt eindeutig aus: „Wenn 12.000 bezahlende Menschen kommen, nur um uns zu sehen, nur um mit uns dieses Fest zu erleben, dann haben wir irgendwas richtig gemacht.“
Ein letzter Auftritt in Regio-Rot
DB Regio Nordost hatte in diesem Jahr bewusst eine besondere Wahl getroffen: Statt mit großem und schwerem Gerät anzureisen, kam der kleine GTW zum Einsatz – und das aus gutem Grund. Es könnte einer der letzten öffentlichen Auftritte des Fahrzeugs in Regio-Rot gewesen sein. Die Flotte ist in die Jahre gekommen, die Fahrzeuge gehen nach und nach in den sogenannten Fristablauf. Wer den GTW noch einmal in seiner klassischen DB-Farbe erleben wollte, hatte also beim Frühlingsfest eine seltene Gelegenheit – auch wenn er auf der Linie der RB55 zwischen Kremmen und Hennigsdorf noch eine Weile im Einsatz bleiben wird.
Doch nicht nur bei der Besichtigung des GTW-Führerstands war der Andrang groß. Lange Schlangen bildeten sich auch am Fahrsimulator. „Das war zwischenzeitlich extrem“, resümiert Flemming. Sie erklärt, dass man in diesem Jahr bewusst auf klassisches Recruiting verzichtet habe. „Es ist viel schöner, wenn man sich ungezwungen über den Job unterhält“, sagt sie. „Wenn sich jemand auf so einem Fest bewusst dafür entscheidet, Lokführer oder Lokführerin werden zu wollen, ist das was ganz anderes, als auf eine Recruiting-Veranstaltung zu gehen.“
Für Familie Nowakowski aus Adlershof war es bereits der zweite Besuch. „Thomas, die kleine Lokomotive“ kennt der dreijährige Alex schon aus unzähligen Gutenachtgeschichten. Aber eine echte Dampflok, die schnauft und dampft, ist dann doch noch mal eine ganz andere Sache. Die Entscheidung, welche ihm am besten gefallen hat, fiel ihm sichtlich schwer. Am Ende hatte die schwarze Dampflok die Nase vorn: weil sie dampft. Lokführer werden? Nein. „Astronaut“, sagte Alex bestimmt.
Dass die Begeisterung für Eisenbahn Generationen verbindet, war überall auf dem Festgelände zu spüren. Wer Hunger bekam, fand im Biergarten Bratwurst und Erbsensuppe, im historischen Speisewagen den Charme der Dreißiger – und in der Luft den unverwechselbaren Geruch von Dampf, Öl und Frühling.
Text: André Groth, punkt 3, 7.5.2026