Artikel: „Vandalismus betrifft uns alle“
Frau El Kinani, Sie sind Securitymanagerin bei DB Regio Nordost. Wie stark beeinflusst das Thema Vandalismus die Stimmung und das Sicherheitsgefühl der Reisenden?Katja El Kinani: Ich bekomme kein direktes Feedback von Fahrgästen, aber engmaschige Rückmeldungen von unseren Kundenbetreuer:innen im Nahverkehr (KiN). Wenn Tische beschmutzt, WCs beschmiert und verstopft oder Sitzpolster mit dem Messer aufgeschlitzt sind, macht das viel mit der Wahrnehmung der Menschen. Man fühlt sich in einer unsauberen und beschädigten Umgebung einfach unwohl. Wir bemerken eine Saisonalität im Netz Nordost: Verstärkt treten solche Beschädigungen rund um die Fußball-Saison und bei Fan-Reisen auf.
Es geht neben Verunreinigungen, zerstörten Polstern und anderem auch um zerkratzte Scheiben oder Graffiti innen und außen – wie groß ist der Schaden?Katja El Kinani: Die allermeisten Vandalismus-Vorfälle werden direkt im normalen, nächtlichen Reinigungsrhythmus ohne Anzeige beseitigt. Der Aufwand für Sonderreinigungen ist aber enorm, auch weil Material- und Instandsetzungskosten gestiegen sind. Besonders teuer sind großflächige Außengraffitis. Ein Problem sind auch WC-Beschmierungen mit speziellen Lackstiften – diese Farben sind häufig nicht spurlos entfernbar, weshalb wir am Ende ganze Ausstattungsteile austauschen müssen.
Züge, die bereits beschädigt in den Bahnhof einfahren, sind für alle ein Ärgernis. Wie geht DB Regio Nordost vor, um betroffene Wagen schnell wieder sauber auf die Schiene zu bringen?Katja El Kinani: Das ist logistisch eine enorme Herausforderung im laufenden Betrieb. Bei geplanten Großereignissen wie Konzerten, Sportveranstaltungen oder zu Ferienbeginn setzen wir an den Endhaltepunkten zusätzlich zum KiN nach Möglichkeit Reinigungspersonal ein. Ein gutes Beispiel sind die Sommerkonzerte im Rostocker IGA-Park: Hier geht der Reinigungsservice am Rostocker Hauptbahnhof nach der Ankunft durch den Zug. Ziel ist immer eine schnelle, grobe Reinigung an Zwischen- und Endhaltestelle, um einen Zugausfall zu vermeiden. Bei zu starken Beschädigungen muss das Fahrzeug jedoch zwingend in die Werkstatt und wird komplett ausgeplant. Dann fällt so ein Wagen schon mal ein bis zwei Tage aus. Die Konsequenz im Alltag: Es fahren weniger Züge, sehr zum Ärger aller Fahrgäste.
Bei Vandalismus spielt sicherlich auch die Sensibilisierung des eigenen Teams eine Rolle. Wie werden Mitarbeitende ausgebildet, um besser auf Vandalismus reagieren zu können?Katja El Kinani: Für das Zugpersonal gibt es das KiN-Handbuch mit klaren Richtlinien und einer festen Meldekette. Das kennen alle, die im Zug tätig sind. Ein großer Schritt nach vorn ist unsere CSP-App (Corporate Security Platform), die es seit 2025 gibt. Während Kundenbetreuer:innen schon länger das digitale Meldesystem dLox nutzen, mussten andere DB-Mitarbeitende früher eher umständlich, zum Beispiel über den Servicepoint, melden. Jetzt kann jeder Kollege, jede Kollegin, der:die auf dem Arbeitsweg oder am Bahnhof eine Sachbeschädigung entdeckt, das ganz schnell mit dem Smartphone und einem Foto betriebsintern melden. Die App ist ein echter Multiplikator im Team.
Die Grenze zwischen richtigem Handeln und persönlicher Gefahr ist oft schmal. Wie lernen die Teams im Zug, Vandalismus rechtzeitig zu stoppen, ohne die eigene Sicherheit zu riskieren?Katja El Kinani: Vandalismus passiert fast immer dann, wenn keiner zuschaut. Wenn doch mal jemand Zeuge wird, gilt bei uns die Regel: Die Eigensicherheit des Zugpersonals und der Fahrgäste hat immer oberste Priorität! Das schulen wir auch ganz konsequent. Niemand soll sich in Gefahr bringen oder die Täter:innen direkt konfrontieren. Sehr wichtig ist in diesem Moment das schnelle Absetzen der Meldung, damit die Meldekette anläuft und zum Beispiel die Videodaten von Kameras in den Zügen rechtzeitig gesichert werden können.
Was können und sollten Reisende tun, wenn sie Vandalismus oder illegale Graffiti-Aktionen live im Zug beobachten?Katja El Kinani: Im Zug sollte man unauffällig das Personal informieren, den Fahrgasthilferuf im Einstiegsbereich betätigen oder den Polizeinotruf 110 nutzen. Am Bahnhof kann man sich an das Aufsichts- und Sicherheitspersonal sowie an die Mitarbeitenden in den Service Stores oder an den Fahrkartenausgaben wenden. Zuständig ist die Bundespolizei, deren kostenlose Hotline in jedem Zug auf den Piktogrammen zu finden ist: 0800-6888000.
Zum Schluss eine persönlichere Frage: Was würden Sie gerne Menschen, die Fahrzeuge mutwillig zerstören, mit auf den Weg geben und was wünschen Sie sich für die Zukunft?Katja El Kinani: An die Verursacher der großen Graffiti-Aktionen kommen wir nur schwer heran – das ist eine eingeschworene Szene, die im Vandalismus-Akt ihr Prestige sucht. Es sind oft die kleinen Dinge, die mitunter aus Nachlässigkeit im Rahmen eines „Alltags-Vandalismus“ passieren: das Kaugummi auf dem Sitz, die Schuhe auf dem Polster oder die Bananenschale auf dem Tisch. Wünschenswert wäre die Einstellung, den Zug vielleicht noch ein bisschen sauberer zu hinterlassen, als ich ihn vorgefunden habe – also auch mal schnell eine Papiertüte, die vom Sitznachbarn vergessen wurde, beim Ausstieg mitzunehmen. Aber es wäre schon viel gewonnen, wenn alle den Zug so verlassen, wie sie ihn selbst gern vorfinden möchten. Ich hoffe, dass wir die Menschen mit diesem Appell erreichen können.
Text: punkt 3, 09.07.2026