Wende-Lok im Design von damals unterwegs

Der Lokführer Norbert Päschel steht vor einer orientrot lackierten Lok der Baureihe 112.1.

Artikel: Wende-Lok im Design von damals unterwegs

Erstes Fahrzeug der Baureihe 112.1 wurde wieder orientrot lackiert

Diese Lok ist gleich aus mehreren Gründen etwas Besonderes: Sie erstrahlt orientrot lackiert, mit unverwechselbarem weißen Lätzchen an den Fronten – und sie hat schon ziemlich viel gesehen. Als erste Lok der Baureihe 112.1, heute Baureihe (BR) 112, ist sie am 17. Dezember 1992 an die damalige Deutsche Reichsbahn übergeben worden. Insgesamt wurden 90 dieser Fahrzeuge beschafft. 
2021 stand nun eine Revision an, und die erste Lok der Baureihe 112.1 aus der „Wende-Lok“-Familie der Baureihen 112/114/143 erstrahlt wieder annähernd in derselben Optik wie zur Zeit der Auslieferung. Sie ist damit ein Unikat. Für den Laien mag das auf den ersten Blick nicht so leicht zu erkennen sein, aber wer genau hinsieht, der nimmt durchaus den Unterschied zwischen dem orientroten Lack und dem verkehrsroten wahr, in dem die heutigen Loks lackiert sind. Dazu der weiße Latz sowie Rahmen und Drehgestell in schwarz statt lichtgrau. 

Sondergenehmigung eingeholt

Das Besondere daran: Einige Triebfahrzeugführer:innen sind mit der Idee, eine der Loks wie früher zu gestalten, auf die Flottenmanager:innen zugekommen. So wurde dafür konzernintern eine Sondergenehmigung eingeholt. Denn eigentlich sollte auch die BR 112 101-1 verkehrsrot lackiert werden. „Das weiße Lätzchen war damals Standard“, erinnert sich Norbert Päschel. Er hat am 1. Januar 1980 bei der Deutschen Reichsbahn in der DDR seine Ausbildung zum Fahrzeugschlosser mit Spezialisierung zum Triebfahrzeugführer begonnen. Zwei Jahre später schloss er mit Anforderungsstufe B ab. 

Lokführer Norbert Päschel schaut aus dem Fenster der orientroten Wende-Lok.
Norbert Päschel, Triebfahrzeugführer bei DB Regio Nordost.


Wenn Norbert Päschel erzählt, wird die Zeit von damals wieder lebendig. Er zeigt alte Fotos von der BR 112 101-1, auch eine Innenaufnahme aus dem Führerstand ist darunter. Der 58-Jährige war dabei, als das Fahrzeug am 24. Februar 1993 nach Berlin geholt wurde, um die Ost-Lokführer mit ihrem neuen Arbeitsplatz vertraut zu machen und sie einzuweisen. „Die Lok war dann vorwiegend im Berliner Ostbahnhof beheimatet und wurde für den Interregioverkehr eingesetzt“, erzählt Norbert Päschel. 

Nagelneue Ausrüstung war besonders

Nach den Besonderheiten gefragt, sagt der Berliner: „Diese Lok war schneller, sie kam in der Spitze auf 160 Stundenkilometer. Und für uns Reichsbahner war eine weitere Besonderheit, dass die Lok mit einer Linienzugbeeinflussung ausgerüstet war – obwohl wir dafür im Osten noch gar keine Strecken hatten, die wurden erst später gebaut“, sagt der Lokführer lachend. Sicheres äußeres Erkennungsmerkmal waren zudem die kombinierten Scheinwerfer/Schlussleuchten die noch aus jeweils zwei separaten Leuchten bestanden. 

Eine historische Aufnahme der orientroten Lok.
Eine historische Aufnahme der Lok BR 112 101-1.


Norbert Päschel kann sich noch gut an seine ersten Gedanken erinnern, die er beim Betreten der orientroten Wende-Lok hatte. „Das ist natürlich was Neues gewesen für uns, eine nagelneue Ausrüstung. Das mussten wir alles erst kennenlernen, aber man hat sich schnell daran gewöhnt.“ Seine bislang letzte Fahrt mit der BR 112 101-1 hatte Norbert Päschel am 21. Juni 2020. Er beschreibt
die Baureihe auch heute noch als „bahnfest“, also solide, bedienerfreundlich und zuverlässig.

Lokführer in dritter Generation

Das Lokführer-Gen wurde Norbert Päschel übrigens schon in die Wiege gelegt. In seiner Familie ist er Lokführer in dritter Generation – und auch die vierte Generation ist dabeigeblieben. „Mein Sohn ist bei DB Cargo“, berichtet der gebürtige Wittenberger, der seit 2008 in Berlin lebt. „Mich hat immer die Technik begeistert und dass man als Lokführer relativ frei ist in seiner Arbeit.“ Der Beruf sei zudem sehr abwechslungsreich. „Wir fahren ja in so ziemlich alle Richtungen“, sagt Norbert Päschel, der früher auch Güterzüge gefahren ist. 

Eine historische Aufnahme aus dem Führerstand der Wende-Lok.
Historische Aufnahme aus dem Führerstand der Wende-Lok.


Besonders gerne habe er die Strecken nach Norden. „Richtung Stralsund, wo man einfach mal drei Stunden auf freier Strecke fährt. Oder in die Uckermark über Angermünde. Wenn man da morgens den Sonnenaufgang sieht, das ist schon unschlagbar“, sagt Päschel. Er ist seit 1999 für DB Regio Nordost tätig.
Der 58-Jährige ist nicht nur beruflich mit der Bahn unterwegs, sondern ebenso gerne privat. Außer im Urlaub, da steigt er aufs Auto um, wie er verrät. „Hauptsächlich aus Bequemlichkeit“, gesteht er. Seinen Traumberuf ausüben will Norbert Päschel noch so lange wie möglich. „Bis der Bahnarzt sagt, dass es nicht mehr geht“, sagt er lachend. 

Die Lok BR 112 101-1 soll später an das Museum der Deutschen Bahn übergehen und noch für Sonderfahrten genutzt werden. Zunächst wird sie aber hier in der Region eingesetzt.


Linienzugbeeinflussung (LZB)

  • Neben der Übermittlung von Fahraufträgen, Höchstgeschwindigkeit und verbleibendem Bremsweg auf eine Anzeige im Führerstand überwacht die LZB das Fahrverhalten der Züge und kann durch Eingriffe in die Fahrzeugsteuerung die Fahrt der Züge beeinflussen.
  • Linienförmig bedeutet dabei, dass der Informationsaustausch zwischen Strecken- und Fahrzeugeinrichtung während der gesamten Fahrt und auch während betriebsbedingter Halte und Verkehrshalte dauernd besteht.
  • Die Linienzugbeeinflussung verwendet eine induktive Datenübertragung zwischen Fahrzeug und Fahrweg mittels eines im Gleis verlegten Antennenkabels, dem sogenannten Linienleiter.

Text: Josephine Mühln, punkt 3, 07.10.2021